Infopunkt Kohnstein: Gipswerk und das Nordhäuser Urtier von Sachswerfen

Zur Geschichte von Niedersachswerfen

Von Tim Schäfer, Niedersachswerfen (Mai 2021)

Der Infopunkt Kohnstein ist an der Ecke Schulstraße/Am Bahnhof und besteht aus zwei Informationstafeln, die beidseitig Teile der Geschichte, von Gipsabbau & Niedersachswerfen (Gipswerk, Leuna-Werk; BASF) zeigen.

(Also in Nähe des Bahnübergangs zum ehem. Gipswerk und zur Leipziger Straße findet sich dieser Infopunkt, sehr gut am Radweg gelegen.)

Ausgehend von einer Idee, den alten Gedenkstein des Gipswerkes Niedersachswerfen für verunglückte Bergleute an der „langen Wand“ am Kohnstein wieder in der Ortschaft der Gemeinde Harztor auszustellen, wurde ein neuer Infopunkt entworfen. Denn der alte Gedenkstein war zerstört worden. Dieser Infopunkt soll nunmehr den Bogen zum Kohnstein, der Geschichte, Natur einerseits aber andererseits eben auch zur wirtschaftlich- industriellen Nutzung mit dem ehemaligen Gipswerk Niedersachswerfen oder den unterirdischen Rüstungsanlagen in Nazideutschland sowie bis in unsere Zeit schlagen.
Das Projekt wurde mit dem Arreé-Traditions-Verein e.V., Dr. Christina Zyrus, umgesetzt.


Niedersachswerfen

Niedersachswerfen scheint ein Ort mit reicher Ur- und Frühgeschichte zu sein, wobei man erste Erwähnungen überraschend zu einer Hochmotte1) findet, datiert mit 1187, dem Riewenhaupt, welches man heute Riesenhaupt nennt und diese Burg soll den „Herren von Sachswerfen“ zugeordnet gewesen sein. Die Burg (Motte) soll einen Durchmesser von 26x38m gehabt haben.
Heute finden wir nur noch Reste davon und den Hügel, auf dem Lindenbäume zu finden sind. Offenbar hatte dieser Ort früher eine wichtige Rolle, in einer Heimatsage und später als Gerichtsort blieb das überliefert oder wurde als solcher weiter genutzt.

Niedersachswerfen gehört heute als eine Ortschaft zur Gemeinde Harztor und kann somit älter sein als bisher (1208) angenommen. Wobei wir aber davon ausgehen können, dass unser heutiges Bild der Ortschaft nicht zu den damaligen Verhältnissen passen kann.
In den Ortschroniken heißt es oft, der Ort sei eine Gründung der Sachsen 2) gewesen, was aber auch in neuerdings stärker in Frage steht, worauf auch Förstemann oder Trautmann bereits hingewiesen haben. Unter Berufung auf Prof. Udolph 3) hat der Autor abgeleitet, dass es die Sachsen (germanischer Volksstamm) eher nicht gewesen sind, womöglich also eher ein Sahsa- Geschlecht oder eine aus den natürlichen Gegebenheiten erwachsene Bezeichnung einschlägig ist. Ob es so gewesen ist, dass erst ein Ober- und dann, viele hunderte Jahre später, ein Niedersachwerfen nach dem Vorläufer benannt wurde, kann man nicht genau sagen.

Quellen:

  1. Bienert, Thomas: Mittelalterliche Burgen in Thüringen, Gudensberg-Gleichen, 2000
  2. Quelle: Wappen Exposee Niedersachswerfen, Erfurt, den 08. Januar 1996
  3. Udolph in https://www.mdr.de/mdr-thueringen/niedersachswerfen-ortsname100.html (download vom 01.07.2020)

 

Sahsa aber, gesprochen mit hartem S, hatte im germanischen auch die Bedeutung des Steins, vgl. auch im lateinischen Saxum „Fels“.4) Neben dem „Stein“ soll ein „-werf“, nach Meinung der Gelehrten, auch so etwas wie einen Aufwurf bedeuten können, der existiert bei Niedersachwerfen.
Eine Zuordnung könnte, da aufgeworfen von Menschenhand, zum Riesenhaupt (Bodendenkmal) oder auch der Wallburg Faciusgraben geben sein, letzterer diesen Namen sicherlich erst durch die Christianisierung erhalten hat. Steine, Aufwerfungen und ein Bach mit Steinen…, es gibt mehrere hier.

 

Der Kohnstein

Der Kohnstein selbst ist an sich einmalig in Europa. Prägend für den Kohnstein ist das grau- weiß anmutende Gestein, das hier bis zu 200 m mächtig anstand. Es handelt sich dabei um die Sulfatgesteine Anhydrit (CaS04) bzw. Gips (CaS04 x 2H2O), am Kohnstein dominiert aber Anhydrit. Der begehrte Bodenschatz entstand im Zechsteinmeer vor etwa 240 Mill. Jahren.

Der Kohnstein - Infotafel

Infotafel 2 – R. Baumgarten (Layout), Niedersachswerfen

Spätestens seit der Jungsteinzeit siedelten Menschen im Tal der Zorge und nutzten den Kohnstein. Aus der Hallstadt Zeit waren Wallburgen bekannt.
Auf dem Kohnstein wurden insbesondere auch Mammutknochen gefunden. Die Gewinnung von Steinen und Materialien am Kohnstein geht bis in Urzeiten zurück.
Die Gipsindustrie hat im Südharz eine lange Tradition. An vielen Stellen wurden kleine Gruben eröffnet und der Gips zu Gipsmörtel gebrannt.

Mittelalterliche Burgen und Kirchen weisen noch heute Reste dieses Mörtels auf. Am alten Kupferhammer ist bestimmt eine der ältesten Fabrikationen von sowohl Gips als auch Kupfer nachweislich. Ein Gipswerk trug auch den Namen Kupferhammer.

Mehrfach wurden Knochen eiszeitlicher Säugetiere am Kohnstein gefunden. So auch das Urtier von Nordhausen (vgl. Nordhäuser Zeitung von 1923). Dabei handelt es sich um den Fund eines Wollnashorns, welches man bei Arbeiten im ehemaligen Höllental entdeckt hatte. Der Fund war seinerzeit spektakulär und das pelzige Riesen-Doppelhorn ein medialer Star seiner Zeit. Legendär ist der Bronzene Armring vom Kohnstein.

Ein Kleinod, welches auch bald 3000 Jahre alt ist. Beim „Kohnstein-Nierenring“- Fund könnte es sich um eine nordische Fortentwicklung der getriebenen Ringe der Hallstattzeit handeln. Die Bronzekunst kann wohl nicht eindrucksvoller demonstriert werden. Zeitlich wurde der Armring in die beginnende Eisenzeit (ca. 800 bis 450 v. Chr.) eingeordnet. Der abgebildete Bronze-Armring vom Kohnstein ist im Nordhäuser Museum Tabakspeicher zu besichtigen.

 

Wollnashorn

Wollnashorn- 3D Grafik und Knochen- Museum Tabakspeicher in Nordhausen (Lizenz Getty Image)

 

Wollnashorn Infotafel


Gipswerk Niedersachswerfen am Kohnstein

Ab 1917 ließ die BASF durch das Ammoniakwerk Merseburg und dessen Betrieb Gipswerk Niedersachswerfen Sulfatgestein am Kohnstein abbauen. Final stimmte der spätere Chemie Nobelpreisträger (1931) Carl Bosch dem Einstieg der BASF Tochter Ammoniakwerke Merseburg am Kohnstein zu.  Mit dem von ihm mitentwickelten Haber-Bosch-Verfahren zur Ammoniakproduktion schuf er insbesondere die Grundlage für die großtechnische Erzeugung von Stickstoffdüngern, welche die Basis für die Nahrungsmittelversorgung eines großen Teils der Weltbevölkerung bildet. Das Gipswerk hatte mehrere Vorläufer, wie die Firmen Süßmilch oder Maisold, eine Firma nannte sich bereits Gipswerk. Oder die Anlagen des uralten Kupferhammers.

Schon in den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden in der industriellen Neuzeit im Kohnstein Stollen geschaffen, in denen man besonders im Winter hochwertigeres Material besser fördern konnte oder zusätzlichen wirtschaftlichen Nutzen mit Sprengstoffmittellagern erschlossen hat. Das sollte man später im großen Stil im Auftrag Nazideutschlands für ein Reichslager besonders für Schmier- und Treibstoffe (WiFo) verfolgen und so entstand ein großes Stollensystem im Kohnstein mit Lagerkammern.

Mit den wahnwitzigen Untertageverlagerungsprogrammen kriegswichtiger Waffenproduktionen Nazideutschlands wurde Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen massiv eingesetzt und für die SS-Mittelwerke (A4-Rakete,V1, Schmetterling, Junkers, andere) 1943 ein eigenes KZ Mittelbau, vgl. KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora, geschaffen.  Viele Häftlinge und auch Zwangsarbeiter kamen deshalb zu Tode oder verloren Ihre Gesundheit. Die Rakete A4, von der Nazipropaganda als Vergeltungswaffe V2 bezeichnet, wurde auch unter Einsatz von massiver Zwangsarbeit im Kohnstein hergestellt.

1953 erinnerte man in besonderer Weise daran und stellte eine Replik am Werkseingang auf. Als Friedensdenkmal, was die Tafel des Infopunktes auch zeigt.

DDR, Gipswerk Logo - Leuna

Das Gipswerk war ein Materiallieferant für die chemische Industrie (Dünger, Sprengstoffe, Schwefelsäure) und ein Lieferant für Bau- und Zuschlagstoffe für die Bauindustrie (Zement). Für den Wohnungsbau zu DDR- Zeiten ist das Gipswerk Niedersachswerfen seinerzeit ein bedeutender Lieferant gewesen. Produkte wie Porenanhydritsteine, Leunit, Estriche (Fließanhydrit für Estriche FA-E/ 2K) sind gute Beispiele.

Auch viele  Funktionen für die Gemeinde und das Sozialwesen waren für das Gipswerk kennzeichnend, legendär die ehem. Betriebssportgemeinschaft „Chemie“.

 

Gedenkstein für verunglückte Bergleute

Gedenkstein für verunglückte Bergleute

Quelle: Sammlung Tim Schäfer, Niedersachswerfen

Der alte Gedenkstein war nicht mehr zu retten. Die lange Wand, am Kohnstein war der Anhydritfelsen steil und bis zu 200m mächtig, ist abbaubedingt temporärer Natur gewesen. Der alte Gedenkstein war zerbrochen und in sehr schlechtem Zustand.

Aber die Erinnerung soll ermöglicht bleiben. Darauf waren Namen von 18 Bergleuten (Hauer) erfasst, die hier tödlich verunglückten. Darunter Namen von bekannten Familien, wie bspw. die Namen Ibe, Kirchner, Jödicke, Schmidt, aber auch ein Zwangsarbeitername soll sich auf dem Gedenkstein befunden haben. Getreu dem Motto des alten Gedenksteins: Wir vergessen Euch nie!

Es war damals etwas Besonderes, im ehem. Gipswerk Niedersachswerfen zu arbeiten. Ganze Familien aus dem Südharz fanden hier Lohn und Brot. In einem Reim, der dem Hauer a.D. Wilhelm Stein besonders am Herzen liegt, wird dies erstmals auf der Tafel gezeigt.

 

Renaturierung?

Auch die Frage der Renaturierung kommt nicht zu kurz. Sachlich wird die Problemlage im 21. Jahrhundert dargestellt. Es findet oder fand ja eine Einlagerung von großen Mengen Abraum aus dem Großprojekt der Deutschen Bahn, Stuttgart 21, statt. Eine Renaturierung ist gleichwohl eine große Herausforderung, eine Abraumeinlagerung ist ja eigentlich keine Renaturierungsmaßnahme. 

Denn es bestehen noch alte, teils unerforschte Höhlen wie die Gängertalshöhle oder es wurde insbesondere im 20. Jahrhundert massiv in uralte Gewässerläufe und Feuchtgebiete eingegriffen. Die alten Sachswerfer schwärmen noch davon, wie fantastisch schön es am Kohnstein dereinst war.

 

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